Interview mit Garth Stein

Rennfahrer sollten nicht zu viel über jede einzelne Bewegung nachdenken müssen. Wie ist das bei Schriftstellern? Planen Sie alles bis ins Detail, oder lassen Sie der Handlung einfach ihren Lauf?

Garth Stein: Bisher habe ich meine Romane immer haarklein im Voraus entworfen. Aber bei diesem wusste ich es einfach und bin diesem Instinkt gefolgt. Es ist wie beim Rennfahren: Der Fahrer muss sein Handwerk so gut kennen, dass ihn die Handgriffe keinerlei Mühe kosten. Dann ist der Geist frei und kann Großes erreichen. Beim Schreiben ist das genauso. Schon bevor ich mit dem Tippen begann, wusste ich genau, was passieren würde. Das musste ich nicht planen. Ich konnte es einfach hinschreiben.


Denny ist dabei, den Rennsport zu seinem Beruf zu machen. Sein Hund, Enzo (benannt nach Enzo Ferrari), ist ein sehr sachkundiger Fan, genau wie Sie selbst. Wie haben Sie für das Thema recherchiert?

G. S.: Ich bin damit aufgewachsen, mit meinem Vater die Rennen im Fernsehen anzusehen. Ich war schon immer ein Fan. 1986 hatte ich das Glück, Ayrton Senna live beim Großen Preis von Amerika fahren zu sehen. Das hat einen riesengroßen Eindruck auf mich gemacht. Als ich vor ein paar Jahren selbst mit dem Fahren begann – ich fuhr einen Mazda Miata beim Sports Car Club of America – habe ich viel über Fahrtechniken im Regen gelesen. Natürlich tauchte dort auch Ayrton Sennas Name wieder auf!


Sie haben sich entschieden, die Geschichte aus der ungewöhnlichen Perspektive eines Hundes zu erzählen. Haben Sie diesen Blickwinkel eher als Befreiung oder als Beschränkung empfunden?

G. S.: Ganz klar: als eine Befreiung! Sicher, in einigen Punkten hat es mich auch eingeschränkt. Aber alles in allem erlaubte mir diese Sichtweise große Freiheiten bei der Beschreibung der Handlung. Man erzählt einem Hund so einiges, was man anderen Menschen nicht erzählen würde. Mit Enzo konnte ich perfekt Mäuschen spielen.


Kommt Ihnen Ihr eigener Hund, Comet, manchmal menschlich vor?

G. S.: Ich liebe Comet sehr. Aber ich glaube, dass sie (sie ist eine Hündin!) noch ein paar Inkarnationen als Hund durchleben muss, bevor sie ein Mensch wird. Trotzdem, einige ihrer Gesten sind sehr menschlich ...


Enzos Mantra ist »Das, was du tust, liegt vor dir«. Glauben Sie auch, dass das eintreffen wird, woran wir fest glauben – dass sich die Zukunft daraus entwickelt, wohin wir blicken?

G. S.: Ja, das tue ich. Vielleicht bin ich nicht immer Herr meines eigenen Schicksals, aber ich bemühe mich. Ein Fahrlehrer hat mich einmal aufgefordert, mir mich selbst beim Fahren vorzustellen. Das tat ich. Dann fragte er mich, auf welchem Platz ich ins Ziel gefahren sei. Irgendwo im Mittelfeld, war meine Antwort. Daraufhin sah er mich sehr ernst an: »Wenn du dir nicht vorstellst, das Rennen in deinem Kopf zu gewinnen«, sagte er, »wie willst du es dann je in der Realität gewinnen?« Er hatte recht. Wir müssen Perfektion anstreben. Ob wir sie erreichen oder nicht, liegt ganz an uns!


Enzo wartet ungeduldig darauf, als Mensch wieder geboren zu werden und endlich sein eigenes Paar Daumen zu haben. Warum glauben Sie, will Enzo so viel lieber ein Mensch statt ein Hund sein? Ein Hundeleben erscheint doch gar nicht so unattraktiv...

G. S.: Nun, das liegt an Enzos Charakter. Ich bin sicher, viele Hunde sind sehr zufrieden damit, ein Hund zu sein. Enzo verurteilt sie dafür ja auch nicht. Aber er sieht Denny, er sieht die Autorennen, und dann will er einfach ein Mensch sein. Ich bin sicher, er würde nicht annehmen, dass alle Hunde Menschen werden wollen. Eigentlich ist das Leben als Hund ja wirklich recht angenehm!


Einer der häufigsten Kommentare zu diesem Buch ist, dass die Leser dabei weinen mussten. Die Leser scheinen sehr stark mit den Figuren mitzufühlen. Geht Ihnen das beim Schreiben auch so? Sind Sie beim Schreiben emotional an Ihren Figuren und deren Schicksalen beteiligt?

G. S.: Absolut. Ich weine häufig beim Schreiben! Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass ein Autor sich komplett in das Drama seiner Figuren einfühlt. Genau durch diesen Einsatz kann erst die wirkliche Bedeutung der Figuren ans Licht kommen und die Katharsis erfahren werden.


Enzo bildet sich vor allem durch das Fernsehen weiter. Sie selbst haben früher Dokumentarfilme gemacht – eine Ihrer Produktionen hat sogar einen Oscar gewonnen. Wie beeinflusst diese Erfahrung in Film und Fernsehen Ihre Romane?

G. S.: Ich habe an der Columbia Universität in New York Drehbuchschreiben studiert. Aber ich merkte schon, dass ich keine besondere Liebe zu dem Medium habe. Dann habe ich mich Dokumentarfilmen zugewandt. Ich fand, das wäre wie Geschichten finden statt sie zu erfinden. Durch meine Arbeit beim Dokumentarfilm habe ich die Kunst erlernt, eine Geschichte zu strukturieren. Ich habe sehr gerne Dokumentarfilme gemacht, aber bei meinem ersten Roman, »Seelendiebe«, habe ich gemerkt: Meine Berufung ist das Bücherschreiben!


Gibt es schon Pläne, Enzo zu verfilmen?

G. S.: Pläne gibt es immer. Wenn der Film rauskommt, werde ich der Erste in der Schlange sein und Popcorn kaufen.


Haben Sie das Buch Ihrer Hündin Comet vorgelesen?

G. S.: Nein, Comet ist es lieber, wenn ich einen Tennisball für sie werfe. Aber mein ältester Sohn Caleb hat das Buch gelesen. Und momentan lese ich es meinem zweitältesten Sohn, Eamon, vor. Es macht mir riesengroßen Spaß, ihm die Gründe für verschiedene Handlungen zu erklären, die er auf Grund seines Alters wahrscheinlich noch nicht versteht - und den Dialog in verschiedenen Stimmen zu lesen, so wie sich das in meinem Kopf anhört. Das ist es, was ich am Schreiben liebe: Ich liebe den Prozess, und zu sehen, wie ich Leser und Zuhörer fesseln kann. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich daraus einen Beruf machen konnte.


Vielen Dank für das Interview, Mr. Stein!

G. S.: Wie Luca Pantoni sagen würde: »Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite«.